Es war August 1930, als Warren Buffett in Omaha, Nebraska, mitten in der Großen Depression geboren wurde. Die Zeiten waren schwer, Familien verloren ihre Häuser, und der Hunger war ein ständiger Begleiter. Für den jungen Warren bedeutete das Schicksal eine harte Lektion in Sachen Geld, bevor er überhaupt richtig lesen konnte. Er erlebte hautnah, wie eine Krise das Leben aller bestimmte, und irgendwann in diesen Jahren formte sich in seinem Kopf die Frage, die ihn nie mehr loslassen sollte: Wie bleibt man über Wasser, wenn alle anderen untergehen?

Sein Vater war damals Angestellter einer örtlichen Bank, bis er auch seinen Job verlor. Doch anstatt zu verzweifeln, nutzte er seine Ersparnisse und eröffnete ein eigenes Maklerbüro. So schaffte er es, die Familie in schwierigen Zeiten über Wasser zu halten, und was ebenso wichtig war: Er hinterließ in seinem Arbeitszimmer jede Menge Bücher. Warren, ein stiller, ernster Junge, tauchte in diese Bücher ein.
Während andere Kinder des Viertels draußen spielten, saß er allein in der Bibliothek seines Vaters und las alles, was er über Geld, Aktien und den Handel finden konnte. Mit sechs Jahren reichte ihm das bloße Lesen nicht mehr. Er wollte selbst tätig werden. Er sprach seinen Großvater an, der einen kleinen Lebensmittelladen führte, und überzeugte ihn, ihm Coca-Cola-Flaschen zum Weiterverkauf zu überlassen.
Der Großvater gab ihm die Ware, und Warren lief damit von Tür zu Tür. Für jede Kiste mit sechs Flaschen machte er fünf Cent Gewinn. Bald kamen Zeitschriften und Kaugummi dazu. Am Ende des ersten Jahres handelte der Sechsjährige bereits mit einem ganzen Sortiment und machte für sein Alter erstaunliche Einnahmen.
Als Warren elf Jahre alt war, geschah der nächste große Schritt. Er investierte seine gesamten Ersparnisse und kaufte drei Aktien eines Öl- und Gasunternehmens namens City Services, jeweils zum Preis von 38,25 Dollar. Kurz darauf fiel der Kurs auf 27 Dollar. Er hatte Angst, verlor aber nicht die Nerven.
Als der Preis wieder auf 40 Dollar stieg, verkaufte er und machte einen kleinen Gewinn. Doch dann lief sein eigener Fehler ihm hinterher: Die Aktie schoss weiter in die Höhe und erreichte Werte, von denen er nur hatte träumen können. Er hatte zu früh verkauft. Diese verpasste Chance brannte sich in sein Gedächtnis ein und lehrte ihn etwas, das er ein Leben lang wiederholen würde: In fünfundsiebzig Jahren habe ich nie gewusst, was der Markt am nächsten Tag tun würde.
Mein Spiel ist es zu entscheiden, ob ich im richtigen Geschäft bin, und gute Unternehmen dann lange zu halten. Einige Jahre später wurde sein Vater in den Kongress gewählt, und die Familie zog nach Washington, D. C. Warren war inzwischen vierzehn.
In der neuen Stadt brauchte er Arbeit, und so nahm er einen Job bei der Washington Post an, um Zeitungen auszutragen. Doch der Verdienst enttäuschte ihn, und nach einer Neuverhandlung wechselte er zur Times-Herald. Dort verdiente er bald 175 Dollar im Monat, was nach heutigem Wert mehr als dreitausend Dollar bedeutet. Ein Teil dieses Geldes steckte er zusammen mit einem Freund in Flipperautomaten, die sie in einem örtlichen Friseursalon aufstellten.
Jede Woche teilten sie die Einnahmen mit dem Ladenbesitzer. Der Erfolg war so groß, dass sie zwei weitere Automaten kauften. Schließlich verkauften sie das ganze Geschäft für zwölfhundert Dollar und investierten das Geld in Warrens ersten richtigen Besitz: eine vierzig Morgen große Farm in Nebraska. Er war gerade einmal fünfzehn Jahre alt.
Widerwillig folgte er dem Rat seines Vaters und ging nach der Highschool auf die Universität. Er schrieb sich in Pennsylvania ein und finanzierte sein Studium mit den Pachteinnahmen seiner Farm. Nach dem Bachelor in Betriebswirtschaft bewarb er sich in Harvard für ein Aufbaustudium – und wurde abgelehnt. Zunächst war er enttäuscht, doch diese Ablehnung war ein stiller Segen.
Denn sie führte ihn an die Columbia Business School, wo sein größtes Idol lehrte: Benjamin Graham, ein Ökonom und Investor, von dem Warren bereits dessen berühmtes Werk „The Intelligent Investor“ verschlungen hatte. Graham hatte eine einfache Idee zur Grundlage gemacht: Man kauft unterbewertete Aktien, also Aktien von Unternehmen, deren Wert an der Börse niedriger ist als ihr tatsächlicher Wert, und verkauft sie später mit Gewinn. Warren saugte diese Philosophie auf. Seine Faszination war so groß, dass er später Graham neben seinem Vater als den wichtigsten Einfluss seines Lebens bezeichnen sollte.
Doch nach dem Abschluss folgte ein schwerer Schlag. Warren träumte davon, an der Wall Street zu arbeiten. Er besaß das Wissen, aber ihm fehlte das Auftreten. Zeitlebens war er ein zurückhaltender, fast schüchterner junger Mann gewesen.
Der Gedanke, mit Fremden zu sprechen, bereitete ihm solche Angst, dass er körperlich darunter litt. Er beschloss deshalb, einen Rhetorikkurs zu belegen. In sich selbst zu investieren ist die beste Investition, die man machen kann – diesen Satz prägte er später, und er bezog ihn bis zu seinem Lebensende auch auf diesen einen Kurs, den er stets als eine der klügsten Entscheidungen seiner Karriere bezeichnete. Kurz danach holte ihn Benjamin Graham persönlich in seine Firma nach New York.
Warren arbeitete dort mit Leidenschaft, lernte die Sicherheitsanalyse bis ins Detail und erkannte, worauf es bei einem Unternehmen wirklich ankommt. Deshalb zeigten sich bald erste Unterschiede zwischen ihm und seinem Lehrmeister. Graham schaute nur auf die Zahlen und kümmerte sich nicht um die Menschen, die das Unternehmen führten. Warren hingegen wollte wissen, wie die Dinge funktionierten, und er traute den Managern eine entscheidende Rolle zu.
Graham war streng und verlangte, dass seine Mitarbeiter exakt seinen Prinzipien folgten. Abweichungen duldete er nicht. Für einen neugierigen Denker wie Warren war das ein enges Korsett. 1962, nach Grahams Ruhestand, war Warren bereit für den nächsten Schritt.
Er hatte inzwischen rund 175. 000 Dollar angesammelt, eine beachtliche Summe für einen Mann von zweiunddreißig Jahren. Er kehrte nach Omaha zurück und gründete mit nur fünfundzwanzig Jahren auf dem Papier seine eigene Investmentpartnerschaft, die er zunächst von einem Zimmer in seinem Haus aus leitete. Freunde und Familie legten zusammen, und so kamen 105.
000 Dollar Startkapital zusammen. Warren übernahm Gelerntes von Graham und entwickelte es weiter. Er kaufte Aktien von Unternehmen, die am Boden lagen oder kurz vor der Pleite standen, deren Besitz aber mehr wert war als der Marktpreis vermuten ließ. Er nannte das später den Zigarettenstummel-Ansatz: Auch wenn ein Stummel abgebrannt aussieht, enthält er oft noch ein paar kostenlose Züge.
In den nächsten sechs Jahren verwandelte er das Startkapital in 7,2 Millionen Dollar. Doch der Erfolg brachte auch Hindernisse. Viele Menschen zögerten, einem so jungen Mann größere Summen anzuvertrauen. Seine jugendliche Erscheinung machte es schwer, ihn als seriösen Vermögensverwalter wahrzunehmen.
Also erledigte er viele Aufgaben selbst, stellte Schecks aus und kümmerte sich um Steuererklärungen. Wer ihm trotzdem vertraute, wurde reich belohnt: Zwischen 1956 und 1969 erzielte er eine durchschnittliche jährliche Rendite von 29,5 Prozent, also fast das Vierfache des Marktdurchschnitts. Nach einem Jahrzehnt verwaltete er mehr als 44 Millionen Dollar, drei Jahre später bereits über 104 Millionen. Irgendwann aber begann dieser Erfolg ihm Sorgen zu bereiten.
Die Aktienmärkte waren voller Überbewertung, und Warren erkannte den Zyklus, der am Ende jedes langen Aufschwungs steht. Sein berühmter Grundsatz lautete: Sei gierig, wenn andere Angst haben, und fürchte dich, wenn andere gierig sind. Als er merkte, dass die Gier anderer überhandnahm, beschloss er 1969, seine Partnerschaft zu beenden, statt das Geld seiner Investoren in einem unsicheren Umfeld zu riskieren. Damals war er bereits 25 Millionen Dollar schwer.
Nichts davon bewegte ihn jedoch so sehr wie ein Unternehmen namens Berkshire Hathaway. Dieser Firma gehörte ein Textilbetrieb, der kurz vor dem Zusammenbruch stand. 1965 wurden die Aktien für etwa 7 Dollar gehandelt, obwohl ihre Vermögenswerte mindestens 11 Dollar pro Aktie wert waren. Warren sah darin ein klassisches Schnäppchen und kaufte viele Aktien.
Einige Jahre später machte er dem Eigentümer ein Angebot und wollte seine Anteile für 11,50 Dollar pro Aktie verkaufen. Doch als es ernst wurde, versuchte der Eigentümer, ihn um drei Cent zu betrügen und bot nur 11,375 Dollar. Warren war zutiefst verärgert. Diese Gier war für ihn der Auslöser, das Blatt zu wenden.
Er beschloss, die vollständige Kontrolle über das Unternehmen zu übernehmen und den Eigentümer zu entlassen. Zunächst steckte dahinter vor allem Rache, doch mit der Zeit erkannte Warren, dass er nun das Ruder in der Hand hielt. Er schloss die verlustreiche Textilsparte und machte aus Berkshire Hathaway eine Plattform für seine Investitionen. Trotzdem lernte er aus diesem Erlebnis eine tiefere Lektion: Schnäppchen allein waren nicht genug.
Er wollte nicht länger nur billig kaufen, sondern hochwertige Unternehmen besitzen, die über Jahre hinweg wachsen. Den entscheidenden Anstoß gab ihm sein enger Freund und Partner Charlie Munger. Unter dessen Einfluss veränderte Warren seine Anlagestrategie grundlegend. Er suchte nicht mehr nach zusammengebrochenen Firmen, sondern nach Unternehmen mit einem wirtschaftlichen Burggraben – also einem Wettbewerbsvorteil, den Konkurrenten kaum aufholen konnten.
Coca-Cola war sein Paradebeispiel: ein Konzern, dessen Marke so tief in der Welt verankert war, dass man ihn praktisch mit dem Getränk selbst gleichsetzte. Mit dieser neuen Philosophie kaufte er große Pakete bei Unternehmen wie American Express und der Washington Post. Dabei blieb sein eigentlicher Hebel im Hintergrund für lange Zeit unbemerkt. 1967 erwarb er die Versicherungsgesellschaft National Indemnity, später weitere wie Central States Indemnity und GEICO.
Versicherungen funktionieren wie ein riesiger Geldpool: Kunden zahlen regelmäßig Prämien, und die Summen, die dabei zusammenkommen, können für andere Investitionen genutzt werden. Warren setzte genau das um. Mit den Gewinnen aus seinen Versicherungen finanzierte er seine neuen Beteiligungen und kaufte zum Beispiel 7 Prozent der Aktien von Coca-Cola. Diese Kombination trieb das Vermögen von Berkshire Hathaway in neue Höhen.
Während die Aktie 1965 noch bei etwa 11 Dollar stand, erreichte sie Ende der Siebzigerjahre über 290 Dollar. Warren selbst war inzwischen rund 40 Millionen Dollar schwer. Im Jahr 1990 sprang der Aktienkurs auf etwa 7. 000 Dollar, und Warren Buffett war Milliardär.
In den folgenden Jahren expandierte Berkshire Hathaway weiter, beteiligte sich an Goldman Sachs und der Bank of America und festigte seinen Status als eine der mächtigsten Investmentgesellschaften der Welt. 2008 wurde Warren Buffett schließlich zum reichsten Mann der Welt gekrönt. Und obwohl er Milliarden besaß, änderte sich sein Lebensstil kaum. Er fuhr noch immer einen einfachen Cadillac aus dem Jahr 2014 und aß regelmäßig bei McDonald’s.
Bis heute bleibt er in Erinnerung als der Mann, der mit Integrität, Weitblick und klugen Entscheidungen die Finanzwelt auf den Kopf stellte. Seine Geschichte zeigt, dass es kein Glück braucht, um außergewöhnlich zu sein, sondern Geduld, Lernbereitschaft und die Fähigkeit, den eigenen Weg zu gehen – selbst wenn alle anderen denselben gehen.