Mutti, wir dachten, du genießt die Ruhe dieses Jahr. Der Zettel hing schief am Kühlschrank, die Ecken hoben sich, als hätte jemand ihm Eile aufgeklebt und es für aufmerksam gehalten. Mein Daumen strich über die Ecke und bewegte sie. Sonst nichts.

Kein Klappern von Tellern, kein Piepsen vom Backofen, keine Stimmen, die über Beilagen oder Sitzplätze stritten. Nur das Summen eines leeren Hauses und die dröhnende Stille darunter. Der Esstisch war halb gedeckt. Meine Hände hatten gestern den ersten Teil erledigt.
Der zweite hätte drei weitere gebraucht, die heute hier sein sollten. Aber die Platzsets lagen nun gestapelt, nicht ausgebreitet. Die Stühle waren mit militärischer Ordnung angeschoben. Nicht die gemütliche Schiefheit von Leuten, die in einem Raum wohnen, sondern die inszenierte Sauberkeit von Menschen, die ihn schon verlassen haben.
Es war Erntedank und ich war der Rest. Ich öffnete den Backofen aus Gewohnheit. Kalt, als wäre er nie angeschaltet gewesen. Der Truthahn lag noch im Laden in einem Gang, den ich mit meinem Sohn durchlaufen wollte, lachend über Größen und Zeiten und wie immer zu viel kaufen, Mutti.
Aber dieses Jahr gab es keinen Gang. Kein Lachen, kein Wirrwarr. Ich schaute in den Kalender. Meine Handschrift stand mittig im Kästchen, fest und hoffnungsvoll: Familienessen, 16 Uhr.
Die Tinte wirkte jetzt fehl am Platz. Ein Plan von jemandem, der nicht wusste, dass sie aus ihrem eigenen Leben gestrichen worden war. Vor drei Tagen hatte ich den Tank von Karls Wagen gefüllt. Absetzen am Bahnhof, Karte durchziehen, ein beiläufiges Danke, Mutti, über die Schulter.
Ich hatte den Weinbestand vorbereitet und die Tischdecken gebügelt. Diese stille Arbeit, die niemand bemerkt, bis sie weg ist. Mein Handy summte. Onkel Heinrichs Name leuchtete auf.
Ich nahm ab, bevor ich entschieden hatte, ob ich es wollte. Margaret, sagte er langsam, wie jemand, der in ein Zimmer tritt, wo schon etwas zerbrochen ist. Im Hintergrund: Wellen, Lachen, das unverkennbare Echo von Ferne. Sie dachten, du kommst klar, wenn du zurückbleibst.
Du schaffst das ja immer. Schaffst das. Mir war eine Rolle zugewiesen worden ohne zu fragen. Ich lehnte mich an die Anrichte, die Fliesen kalt durch den Ärmel, und umklammerte die Tasse vom Vorabend, die noch unberührt da stand.
Sie waren nicht einfach nach Maui geflogen ohne mich. Sie waren geflogen, weil sie die Geschichte glaubten, die sie sich über mich erzählten: die, in der es mir nichts ausmacht zu verschwinden. Diese Erkenntnis senkte sich leise wie ein Riegel, der hinter mir einrastet, während ich nach meinem Laptop griff und ihn zum Küchentisch trug. Denn bevor irgendetwas anderes kam, brauchte ich die genauen Zahlen.
Ich starrte auf den Bildschirm, die Spalten der Tabelle so vertraut wie die Furchen an meinen Fingerknöcheln. Ich hatte sie wochenlang nicht geöffnet. Musste ich nicht mehr. Die Zahlen brannten sich ein wie eine zweite Sprache, die ich nie lernen wollte.
Miete 1. 800 Euro. Lebensmittel, Strom, Reparaturen, meist von mir. Karls Beitrag war auf gelegentliche Einkäufe oder ein vages Ich mach’s nächstes Mal geschrumpft, aber es gab kein nächstes Mal seit Langem.
Johanna redete von Sparen und Zukunft, aber ich sah die wöchentlichen Lieferungen von edlen Fertigmahlzeiten und ihre wachsende Sammlung teurer Pflegeprodukte, die wie Soldaten im Bad standen. Ich scrollte zurück durch die Liste. Fünf Jahre Einträge. Fünf Jahre, in denen ich Lücken gefüllt und geschwiegen hatte.
Am Anfang fühlte es sich richtig an. Karl verlor seinen Job nach der Kürzung. Johannas Lehrerstunden wurden gekürzt. Ich nickte, sagte: Macht euch keine Sorgen, ich habe uns.
Damals, als uns noch etwas bedeutete, 1. 800 Euro im Monat, 60 Monate, 108. 000 Euro. Ich flüsterte es laut, als würde Sprechen es greifbarer machen.
Dann öffnete ich einen neuen Reiter: Haushaltskäufe. Kühlschrank, meiner, gekauft, als der alte kaputtging, ohne ihre Meinung. Waschmaschine und Trockner. Meine.
Johanna meinte, die alten ließen ihre Wäsche nach Bahnhof riechen, also ersetzte ich sie. Matratze im Gästezimmer, meine gekauft, weil ihre Mutter etwas Weicheres für den Rücken brauchte. Ich hatte für Komfort bezahlt, den sie mir nie gewährten. Jedes Handtuch, jedes Gerät, jedes Abo, alles auf meinen Namen, mein Konto.
Und als sie Flüge nach Maui buchten, wussten sie, dass ich das Leben lebbar machte. Sie wollten mich leise, berechenbar, verantwortungsvoll. Aber ich war mir nicht sicher, ob diese Frau noch hier wohnte. Ich öffnete einen neuen Tab und tippte: Umzugsfirmen, Notfallbuchungen.
Viele geschlossen wegen des Feiertagswochenendes. Eine versprach Premium-Notumzug mit Option für den nächsten Tag. Ich klickte und griff zum Handy, die Entscheidung schon gefällt, bevor die Seite lud. Der Ordner glitt mit weichem, geübtem Schwung aus der Schublade, das Etikett noch scharf in schwarzem Filz: Haushaltsausgaben.
Ich öffnete ihn auf dem Küchentisch. Quittungen nach Monaten sortiert, Kontoauszüge in sauberen Stapeln, jeder große Kauf blassgelb markiert. Kein Drama in diesem Ordner, nur Beweis. Jahre stiller Struktur, Jahre, in denen ich das Gerüst war, das niemand ansah.
Ich wählte die Umzugsfirma, während ich blätterte. Bieten Sie Feiertagsnotumzüge an? Tun wir. Preis?
Kein Zögern, keine Erklärung, kein Feilschen um meinen Wert. Nur Logistik. Um elf Uhr stand der Lastwagen in der Einfahrt, weiß, mit breiten Buchstaben für Schnelligkeit und Diskretion. Drei Männer stiegen aus, frische Handschuhe, gleiche Stiefel, höfliche Gleichgültigkeit im Gesicht.
Das gefiel mir. Keine Neugier auf Familie, keine Seitenblicke auf leere Stühle oder halb gefaltete Tücher. Ich zeigte. Sie hoben die Espressomaschine.
Meine, sagte ich und reichte die Garantie ohne zu blinzeln. Mein Name oben, gleiche Schrift wie im Ordner. Fernseher auch einpacken. Zimmer für Zimmer.
Kein Theater. Keine zuschlagenden Schranktüren. Keine Vorwürfe in der Luft wie Glasscherben. Waschmaschine, Trockner.
Mikrowelle, der Standventilator im Flur, die Gästematratze für fremden Komfort, das Ecksofa für Samstagabend-Familienfilme, die nie stattfanden, wenn ich sie vorschlug. Ich hakte jedes Teil auf meinem Klemmbrett ab, während es vorbeifuhr, wie ein Chirurg eine Naht schließt. Sauber, präzise, notwendig. Ein Umzugshelfer pfiff leise über die Menge.
Großer Umzug. Nicht wirklich, sagte ich, nur meinen Namen zurückholen. Um vierzehn Uhr wirkten die Räume nicht traurig, sondern leer. Die ehrliche Form eines Lebens, das nicht mehr vorgab zu passen.
Das letzte Stück war der Teppich unter dem Esstisch. Das Holz darunter blasser, ein Geisterrechteck, wo wir uns versammelt hatten – oder wo ich es mir zumindest vorstellte. Bei Sonnenuntergang schlossen sich die Türen des Lastwagens mit einem hohlen, endgültigen Klang, der in meiner Brust widerhallte. Mein Leben, zumindest die Teile, die ich bezahlt hatte, war festgezurrt und rollte zu einer Einzimmerwohnung, die ich vor zwei Tagen still gemietet hatte.
Drei Monate vorausbezahlt. Kein Handeln, keine Schuld. Ein Neuanfang mit Sonnenstille und einer Haustür, die nur mir gehorchte. Ich stand im Haus, während der Motorenlärm verhallte.
Die Luft dünner ohne Möbel. Ich drehte eine langsame Runde, Handy in der Hand, alles dokumentierend. Ecken, Fußleisten, leere Steckdosen, kahle Räume. Fotos zuerst, dann Video.
Keine Kratzer, keine Löcher in der Wand, kein Drama. Nur Subtraktion. Beweis, falls jemand die Geschichte umschreiben wollte. Ich legte einen Stapel Rechnungen auf die Anrichte.
Strom, Abos, Wartung, Jahresgebühren. Die meisten noch auf meinen Namen. Ich zerriss sie nicht, zerfetzte sie nicht, ließ sie einfach liegen wie unbestreitbare Mathematik auf Papier. Dann begann ich die Kündigungen.
Strom, Wasser, Müllabfuhr, alles terminiert in fünf Tagen. Nicht sofort, nicht kleinlich. Präzise getimt. Genug Tage, dass ihr Urlaubsglow verblasste, bevor das Haus in Realität verdunkelte.
Ich hielt beim Internetanbieter inne. Ich möchte eine Abschaltung terminieren. Wann? Mitternacht in fünf Tagen.
Ich brauchte das WLAN noch. Nicht um ihr Leiden zu sehen, sondern die Klarheit, wenn sie kam. Den Moment, wo Annahme auf Folge traf. Der Mitarbeiter bestätigte, tippte, schickte eine letzte Mail.
Keine Fragen. Dann deaktivierte ich die Daueraufträge für ihren Komfort. Abos, Nachfüllungen, Ersatzdienste. Nicht dramatisch.
Überfällige Grenzen in unsichtbarer Tinte. Ich legte die Hausschlüssel sanft neben den Stapel. Kein Wurf, kein Punkt, nur Ablegen. Das Schloss klickte hinter mir mit der sanften Gewissheit eines Kapitels, das zu Ende ist – nicht zugeschlagen, nur zu.
Die Einfahrt fühlte sich zu Fuß länger an als je durch Pflicht. Die Nacht senkte sich ums Haus wie ein gleichgültiger Zeuge, und ich schaute nicht zurück, nicht aus Bitterkeit, sondern aus Vollendung, während ich das Handy öffnete. Die Ring-App startete und wartete, bis die Folgen sich vorstellten. Am vierten Abend summte mein Handy mit einer Bewegungsmeldung von der Ring-App.
Ich tippte, und da standen sie: Karl, Johanna und ihre Mutter vor der Haustür. Koffer wie Opfergaben um sie gestapelt, an ein Haus, das sie für begrüßend hielten. Sie lachten erst, reisefrisch, sonnengewärmt und ahnungslos. Karl steckte den Schlüssel rein und drückte die Tür auf.
Dann hielten sie inne. Drinnen kühler als gedacht, die Stille zu voll. Wo ist der Kühlschrank? , fragte Johanna und starrte auf die leere Stelle unter den Hängeschränken.
Karl ging ins Wohnzimmer. Sein Gesicht veränderte sich, während er sich langsam drehte. Sie verteilten sich. Zimmer prüfen, Schränke öffnen, Lichtschalter betätigen.
Die Panik kam nicht auf einmal. Sie schlich sich Schicht für Schicht ein. Je mehr sie suchten, desto weniger verstanden sie. Johannas Mutter stand an der Kücheninsel und flüsterte: Haben wir einen Einbruch?
Da sah Karl es. Das blaue Leuchten der Ringkamera an der Tür. Er trat zurück, schaute direkt in die Linse und zog sein Handy. Ich sah sein Spiegelbild im Display, als er die App öffnete und scrollte.
Dann erstarrte er. Die Kamera hatte alles festgehalten. Mich im Pullover, Klemmbrett in der Hand, ruhig die Umzugshelfer dirigierend, Stück für Stück. Kein Schrein, kein Chaos, nur bewusste Handlung.
Den Lastwagen, das Beladen, die Tür, die hinter mir abschloss. Er spielte es ab, dann noch mal langsamer. Johanna fragte etwas, aber er antwortete nicht. Stand nur da und sah zu, wie ich ihr Haus verließ mit derselben ruhigen Entschlossenheit, mit der sie mich zurückgelassen hatten.
Ich sah ihm beim Zusehen zu. Dann schloss ich die App, legte das Handy mit dem Display nach unten und lehnte mich zurück. Die Wohnung summte mit sanfter Beständigkeit. Ich musste nicht sehen, was als Nächstes kam, um zu wissen, wie es sich anfühlen würde.
Sie kamen heim in Erwartung eines Zuhauses und fanden Abwesenheit. Meine. Ich nippte am Tee, Beine unter mir im kleinen Sessel am Fenster gefaltet, als die Klingel schnitt. Der Ton durchbrach den sanften Jazz im Hintergrund.
Ich erwartete niemanden. Frau Wittmann, krächzte die Stimme des Portiers durch die Gegensprechanlage. Ihre Familie ist hier. Mit der Polizei.
Ich stellte die Tasse sanft ab, fragte nichts, drückte nur den Knopf und sagte: Schicken Sie die Beamten hoch, bitte. Minuten später klopfte es. Zwei Uniformierte im Flur. Einer älter, einer kaum älter als Karl.
Entschuldigen Sie die Störung, sagte der Jüngere und trat ein. Ihr Sohn behauptet, Sie hätten Eigentum aus seiner Wohnung entfernt. Ich deutete auf den Couchtisch. Alles im Ordner.
Er öffnete und blätterte langsam. Rechnungen für Möbel. Kreditkartenabrechnungen mit Lieferkosten, Garantien auf meinen Namen. Strom eingerichtet, bezahlt, gewartet von mir.
Nach Jahren beschriftet, ordentlich. Der Ältere atmete leise aus. Deutlich. Der Jüngere schaute auf.
Gründlich, sagte er. Die Sachen gehören Ihnen. Ich nahm an, Sie würden anderes behaupten. Er lächelte höflich.
Möchten Sie Anzeige wegen Belästigung erstatten, gnädige Frau? Ich schüttelte den Kopf. Nicht nötig. Sie haben sich genug blamiert.
Draußen, durchs offene Fenster, hörte ich Johanna schreien. Etwas von Manipulation, von Verrat. Karls Stimme stolperte hinterher, leise und unsicher. Die Beamten fragten nicht nach ihnen.
Mussten nicht. Der Beweis lag im Ordner, in den Kisten ringsum, in der ruhigen Stille eines zurückeroberten Lebens. Der Jüngere ging zur Tür. Wir teilen Ihnen mit, dass Sie gehen müssen.
Hier gibt es nichts mehr für Sie. Ich folgte in den Flur, sah sie im Aufzug verschwinden. Kein Kampf, keine Entschuldigung, nur das Gewicht von Leuten, die merkten, dass sie keine Hebel mehr hatten. Ich schloss die Tür, kehrte zum Sessel zurück und hob die Tasse.
Noch warm, noch meine. Das Handy summte wieder. Unbekannte Nummer, aber ich ließ es klingeln. Es war ein Donnerstagmittag, als ich sie wiedersah, am Ende des Tiefkühlregals.
Ich bemerkte sie fast nicht, verglich Apfelpreise, Daumen über die Etiketten, dann ihre Stimme. Du hast uns bloßgestellt, sagte Johanna scharf und leise, als wollte sie keine Szene machen, aber nicht anders konnte. Ich drehte mich langsam, Korb in der Hand. Karl neben ihr, Augen matter als in Erinnerung, wie jemand, dessen Welt nicht mehr reagiert, wie erwartet.
Wir dachten nicht, dass du so weit gehst, fügte er hinzu, ohne mir ganz in die Augen zu sehen. Ich antwortete nicht gleich. Legte vier Äpfel in die Tüte, knotete sie sanft und stellte sie in den Korb. Du musst das richten, schnappte Johanna.
Dein Enkel hat nicht mal WLAN. Ich sah Karl an. Du bist, sagte ich ruhig, du kriegst einen guten Router hin. Er blinzelte, als wäre der Satz irgendwo gelandet, wo er es nicht erwartete.
Ich drehte den Wagen und ging den Gang entlang. Kein Schrein, keine Show, nur die feste, unerschütterliche Wahrheit zwischen uns. Sie folgten mit Blicken, nicht mit Schritten. Ich zahlte bar, packte selbst ein, fuhr schweigend heim.
Kein Zittern, kein Zweifel. Sollten Sie Nachbarn, Freunden erklären, warum die Frau, die einst Urlaube, Tankfüllungen und Notfallreparaturen bezahlte, nun an ihnen vorbeiging wie an Fremden? Sollten Sie meine Abwesenheit erklären, ohne die Wahrheit zu sagen? Jahrelang hatte ich ihnen Komfort gereicht, und sie hielten es für Pflicht.
Hatten ihr Leben auf meiner Stabilität gebaut und es ihre Stärke genannt. Nun taumelten sie ohne sie. Aber ich war nicht wütend, nicht mal verletzt. Ich war frei.
Und als ich den Schlüssel zu meiner Wohnung drehte und eintrat, spürte ich etwas, das ich jahrelang nicht gefühlt hatte. Frieden. Nicht den aus Vermeidung, sondern den, der sich senkt, wenn der Sturm vorbei ist. Die Vorladung kam in schlichtem Umschlag, unspektakulär, das juristische Äquivalent eines Schnaubens.
Amtsgericht, Betrag 3. 000 Euro. Grund: seelischer Schaden und Diebstahl. Ich lachte nicht.
Die Absurdität war nicht komisch. Vorhersehbar. Das Gerichtsgebäude roch nach Papierstaub und Automatenkaffee. Harte Bänke, müde Gesichter, eine Digitaluhr, die nie zur echten Zeit passte.
Als der Schreiber Wittmann gegen Wittmann ausrief, war mein Puls ruhig. Nicht rasend, nicht schrumpfend. Ruhig. Karl saß zwischen Johanna und seiner Mutter, alle drei zu mir gewandt wie eine Front.
Meine Schwiegertochter, gerader Rücken, schmale Lippen, weigerte sich, mich anzusehen. Mein Schwiegersohn starrte auf den Boden. Keine Rede vorbereitet. Sie hielten Anwesenheit für Druckmittel.
Der Richter nicht. Ihre Stellungnahme, Frau Wittmann? Ich griff nicht nach Gefühl, sondern nach Beweis. Der Ordner landete mit dumpfem Schlag auf der Bank.
Kein Theater, keine zitternden Hände, nur Gewicht. Faktenbeweis. Er öffnete. Dann Stille.
Seiten umblättern, Quittungen, Überweisungen, Stromrechnungen, Garantiestempel. Mein Name immer wieder in Tinte bewiesen. Der Saal hielt den Atem an, während rote Sekunden oben blinkten. Schließlich atmete er aus, klappte zu und schaute auf.
Der Kläger verlangt Eigentum, das ihm rechtlich nicht gehört, sagte er. Frau Wittmann finanzierte diesen Haushalt über fünf Jahre, dokumentiert über 108. 000 Euro. Jeder genannte Gegenstand ist auf sie registriert.
Der Anspruch ist haltlos. Abgewiesen. Das Wort fiel wie ein Stein ins stille Wasser. Johannas Nasenflügel blähten sich.
Karl sah aus, als wäre etwas Zerbrechliches in ihm zertreten worden. Nicht Schuld, nicht Scham. Verlust. Nicht meiner.
Seiner. Der Hammer fiel sauber und endgültig. Ich ging hinaus, ohne den Kopf zu drehen. Der Flur draußen war laut nach der Stille des Saals, aber der Lärm perlte ab.
Die Tür klickte hinter mir zu. Die nächste, die ich betrat, öffnete sich nach vorn. Nicht zurück. Morgen kamen nun sanft.
Keine hastigen Schritte oben, kein Schlagen von Schränken, nur das Zischen meines Wasserkochers und das Klicken meines Löffels am Porzellan. Ich nippte langsam. Meine Tasse, meine Küche, mein Name auf jeder Rechnung. Es war eine Stille, die ich einst fürchtete.
Hatte sie für Einsamkeit gehalten. Nun fühlte sie sich an wie Atmen in einem Raum, wo ich mich nicht mehr fürs Dasein entschuldigen musste. Ich fand eine Teilzeitstelle als Nachhilfelehrerin in der Stadtbibliothek um die Ecke. Nur ein paar Stunden die Woche.
Leseverständnis, Abi-Vorbereitung, Rechenübungen. Die Kinder nannten mich Frau Wittmann mit kleinen Lächeln und offener Neugier. Sie baten um Hilfe, nicht um Geschenke. Niemand versuchte, mich zu mehr zu drängen, als ich bot.
Jede Stunde erinnerte mich, wer ich war, bevor ich das Rückgrat des Haushalts wurde. Ich ging heim mit einer Tasche voller Stundenpläne und ohne Groll. Das war neu. Ich liebte die späten Nachmittage am meisten.
Sonne fiel durch meine Fenster, traf den Teppich, den ich gewählt hatte, den Sessel, den ich einmal verrückte und nie wieder darüber streiten musste. Ich las, rückte nichts zurecht. Keine Route. Eines Abends rief Onkel Heinrich an.
Wir hatten wochenlang nicht gesprochen. Sie sind ausgezogen, sagte er nach einer Pause. Das Haus war zu viel ohne dich. Sie mieten jetzt, kleiner.
Johannas Mutter schläft auf der Ausziehcouch im Wohnzimmer. Ich hörte zu. Dann bedankte ich mich für die Info und legte auf. Ich triumphierte nicht, litt nicht.
Es war, als hörte ich von einer Nachbarin, die ich einmal kannte. Vertraut, aber nicht mehr meine. Sie hatten ihr Leben auf der Annahme gebaut, ich würde immer nachgeben, immer abfedern, immer die Konstante sein, die sie nie verdienen mussten. Nun lebten sie in dem Raum, den sie sich leisten konnten, unter dem Gewicht, das sie gewählt hatten.
Und ich hatte etwas Kleineres gebaut. Leichteres. Ehrlicheres. Jedes Mal, wenn ich nachts abschloss, tat ich es mit der stillen Gewissheit, dass alles dahinter meins war.
Nicht, weil ich es nahm, sondern weil ich endlich aufhörte, es herzugeben. Die Nachricht kam spät gestern Nacht. Das Leuchten meines Handys brach die Stille, die ich schätzen gelernt hatte. Hallo, Mutti, wir denken daran, nächstes Erntedank alle einzuladen.
Kochst du wieder? Keine Punkte. Keine Entschuldigung, nur eine Frage aus Gewohnheit. Als wäre nichts passiert, als wäre das letzte Jahr eine kurze Unterbrechung in einem Drehbuch, dem ich folgen sollte.
Ich antwortete nicht. Ich ließ die Worte einen Moment schweben wie Dampf von einem abkühlenden Kessel. Dann tippte ich: Löschen. Einfach, endgültig.
Kein zweites Lesen. Die Wohnung warm. Die Lampen, die ich gewählt hatte, warfen weiche Lichtinseln über die Regale. Meine Pantoffeln standen, wo ich sie ließ, nicht, wo jemand sie abstreifte.
Der kleine Sessel am Fenster war allein meiner. Der Kühlschrank summte leise, voll. Nicht mit fremden Vorlieben, nur meinen. Meine Einkäufe, meine Mahlzeiten, mein Takt.
Keine Spannung, keine Schritte zu erwarten, keine Besorgungen in fremder Bequemlichkeit gefaltet. Ich goss eine zweite Tasse Tee ein und trat ans Fenster. Draußen schob ein Wind goldene Blätter über den Gehsteig. Der Himmel wurde frühwintergrau, aber die Wohnung fühlte sich fest gehalten.
Keine summenden Stimmen, kein passives Seufzen, kein unsichtbares Konto, das zählte, was ich gab. Nur ich und die Version meines Lebens, die ich vergessen hatte, dass ich sie verdiente. Sollten Sie ihr Erntedank planen? Sollten Sie ihren eigenen Truthahn braten, Salz abmessen lernen, über Rezepte streiten und die Einkaufsliste teilen?
Sollten Sie sich wundern, warum die Füllung nie gleich schmeckt? Und wenn sie nächstes Jahr klopfen, lächelnd, als wäre nichts verloren, nun, die Tür, die sie für immer offen hielten, sieht vielleicht nicht mehr gleich aus. Sie gehört vielleicht gar nicht mehr Ihnen zum Durchschreiten.